Um es vorwegzunehmen: Eine Papsturkunde bekamen die Besucher des mit über 200 Anmeldungen ausgebuchten 8. Berliner Archivtags nicht zu sehen. Dafür präsentierte sich den Tagungsteilnehmern im Haus Franz-Mehring-Platz 1 eine Fülle an Aspekten rund um das Thema Resilienz.
Die Anwesenden wurden begrüßt von Rebecca Hernandez Garcia, seit der Vorstandswahl im letzten Jahr neue Vorsitzende des VdA-Landesverbands Berlin, und ihrem Stellvertreter Torsten Musial. Hernandez Garcia richtete den Blick bereits auf 2026, wenn der VdA-Landesverband Berlin seinen 10jährigen Geburtstag feiern wird.
Aus der Berliner Politik oder der Senatsverwaltung war diesmal leider kein Grußwort zu hören. Dagegen überbrachte Frank Druffner von der Kulturstiftung der Länder herzliche Worte. Die Kulturstiftung ist als namhafte Fördereinrichtung zur Erhaltung von Kulturgut mit vielen Archiven verbunden. Das zweite Grußwort kam diesmal von Michael Ruprecht, designierter Vorsitzender des VdA, der den Organisatoren der Tagung dankte und an die Anwesenden appellierte, Verbandsmitglied zu werden, um die Interessen des Berufsstands zu stärken. Er wies zudem auf die dramatische Entwicklung in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen hin, wo Bestandserhaltungsprogramme aufgrund von Sparmaßnahmen zurückgefahren oder gar aufgehoben werden. Angesichts dieser und anderer, immer komplexer werdender Herausforderungen wird es vermutlich nicht nur bei dem von ihm beschriebenen „fachlichen Muskelkater“ bleiben.
In seinem Eröffnungsvortrag „Resilienz im Archivwesen“ stellte Max Plassmann (Historisches Archiv der Stadt Köln) die ganze Bandbreite des Themas dar – und das aus eigener Erfahrung, denn der Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009 setze in der Folge einen, wenn auch sicher schmerzhaften, Erkenntnisprozess in Gang. Vorbereitet zu sein auf die Herausforderungen und möglichen Krisen, ist aus seiner Sicht überlebenswichtig für die Archive. Plassmann stellte folgende Thesen in den Vordergrund: alte Vorurteile aktiv überwinden, breiten, niedrigschwelligen Zugang eröffnen, Bildungsangebote schaffen, Schadensprävention, stringente, zeitnahe Bewertung, Abbau von Erschließungsrückständen, Bildung von Netzwerken, transparentes Handeln. Einiges davon ist nicht neu, aber unter der Lupe der Resilienz betrachtet, fügen sich alle Teile zu einem Ganzen. Die Nutzung der Digitalisierung von Archivgut, aber ebenso von Arbeitsabläufen könne dabei die Personalressourcen generieren, die beispielsweise beim Abbau von Erschließungsrückständen benötigt werden. In der Krise ermöglicht dies, die archivarische Tätigkeit bis zu einem gewissen Grad fortzusetzen und damit öffentlich sichtbar zu bleiben. Vom KI-Trend darf sich das Archivwesen nicht aufgrund durchaus bestehender Risiken abkoppeln! Die dabei zu berücksichtigenden konzeptionellen und technischen Fragen sollten gemeinsam in einem Netzwerk gelöst werden, das über den Archivbereich hinaus bis in die politische und gesellschaftliche Sphäre reichen sollte, um umfassend wahrgenommen zu werden. Nicht zuletzt gehört dazu auch eine in die Zukunft gerichtete Überprüfung und Optimierung der Ausbildungsinhalte.
Dem digitalen Lesesaal waren zwei Berichte aus der Praxis gewidmet. Lambert Kansy präsentierte die Situation im Staatsarchiv Basel-Stadt. Hier hatten die Vorbereitungen 1997 mit der Einführung eines Archivinformationssystems begonnen, bei dem bereits ein Onlinezugang für die Benutzung mitgedacht wurde. Um das System möglichst nah an den Benutzern zu etablieren, wurden diese in einer Studie nach ihren Erwartungen befragt. Die dabei entstandenen 6 Benutzerrollen fanden dabei Anwendung sowohl auf den virtuellen wie auf den nach wie vor bestehenden analogen Lesesaal, einschließlich der Möglichkeit des Austauschs untereinander. Hier fiel erneut das Wort „Transparenz“. Im November 2022 ging das System schließlich online. Das Ergebnis mit Recherche- und Anfragenfunktion, Viewer für digitales Archivgut, persönlichem Konto u. v. m. kann unter https://dls.staatsarchiv.bs.ch/ in Augenschein genommen werden. Im zweiten Vortrag berichteten Alexandra Luther und Antje Stupperich über neue Benutzungsprozesse im digitalen Lesesaal des Bundesarchivs, der Anfang 2024 online gegangen ist, fokussiert auf die audiovisuellen Medien. Ziel ist die Erweiterung zu einer alle Überlieferungsformen umfassenden Plattform mit erweiterten Recherchefunktionen. Zurzeit sind beachtliche 8400 Streams online nutzbar. Wie schon beim Staatsarchiv Basel-Stadt angedeutet, bilden Urheberrecht und anderer Schutzrechte eine hohe Hürde zur Veröffentlichung. Besonders eindrucksvoll war die Schilderung sogenannter Auffindungsgeschichten bislang verschollener Werke. In der zweiten Ausbaustufe soll die Plattform das bisherige Recherchetool des Bundesarchivs „Invenio“ im nächsten Jahr ablösen.
Das folgende Panel stand ganz im Zeichen der gewachsenen Anforderungen an Aus- und Fortbildung. Gregor Patt gab den ersten Impuls aus der Sicht des LVR-Archiv- und Fortbildungszentrums Pulheim-Brauweiler, bevor er gemeinsam mit Irmgard Christa Becker (Archivschule Marburg), Christiane Bruns (Bundesarchiv) und Karin Schwarz (FH Potsdam) einzelne Aspekte vertiefte. Dabei ging es um Themen wie die Gleichwertigkeit grundständiger und begleitender Ausbildung bzw. Weiterbildung, Bereitstellung von Ausbildungsplätzen vor dem Hintergrund des demographischen Wandels und der Angemessenheit und Aktualität von Ausbildungsinhalten („Allrounder“ versus „Spezialist“). Matthias Buchholz moderierte diese „Quadratur des Kreises“, an der sich die Tagungsteilnehmer rege beteiligten. Besonders das Plädoyer von Christiane Bruns für die allgemeine Bezeichnung „Archivar“ – egal in welcher Beamtenlaufbahn oder in welchem Anstellungsverhältnis – fand ein starkes Echo.
Das Nachmittagspanel stand unter dem Zeichen der Bestandserhaltung. Zunächst berichtete Laura Scherr in einem umfassenden Überblick über die Archivbauprojekte der Staatlichen Archive Bayerns und dem Wandel, dem diese oft langjährigen Vorhaben unterworfen waren, verursacht durch den fachlichen und technologischen Fortschritt, aber auch den Klimawandel, eine sich verändernde Finanzlage sowie immer weiter ausdifferenzierte Bauvorschriften. Der neue Direktor des Berliner Landesarchivs Sven Kriese warf einen Blick auf die Bestandserhaltungsplanung seines Hauses für die nächsten Jahre, die wie bei allen Archiven von zurückgehenden finanziellen Ressourcen bedingt ist. Ein ernstes strukturelles Problem erkennt er im Fachkräftemangel auf der einen und schlecht dotierten Stellen auf der anderen Seite, gerade in der Metropole Berlin mit stetig wachsenden Lebenshaltungskosten. Kriese warb intensiv für eine gemeinsame Infrastruktur der Kultureinrichtungen, beispielsweise zentrale Werkstätten und Depots oder gemeinsame Vergabemaßnahmen. Archivverbünde über die Archivsparten und verschiedenen Archivträger hinweg dürften sich im Stadtstaat Berlin aber schwierig gestalten.
Auch wenn die von Thekla Kluttig im Rahmen der aktuellen Stunde vorgestellte AG Barrierefreiheit nicht dezidiert unter das Generalthema „Resilienz“ gestellt wurde, passt dieser Aspekt gut zum Archivtagsmotto, denn in der Stärkung des Zugangs für Benutzer wie Mitarbeiter ist auch eine Stärkung der Archive selbst erkennbar. Mit Blick auf den Tag der Archive am 07./08.03.2026 war der Hinweis auf die neugestaltete VdA-Website verbunden. Auch die Informationen zum neuen VdA-Arbeitskreis Mentoring passten sich als Ergänzung zum Thema Aus-, Fort- und Weiterbildung inhaltlich gut in den Archivtag ein.
Einen bemerkenswerten Impuls zur Abschlussdiskussion bildete der Beitrag der langjährigen BStU-Sprecherin Dagmar Hovestädt. Ihre These „Das Archiv ist überall“ stützt sich dabei auf die allgegenwärtige „Datafizierung“ von Information. Das Archivieren der eigenen digitalen Überlieferung ist zum Alltagsphänomen geworden und bedeutet im Umkehrschluss zugespitzt: „Was nicht digital ist, kann nicht gefunden werden.“ Die Anschlussfähigkeit der Archive an die aktuelle Entwicklung sieht sie als Herausforderung und Chance zugleich. Informationsmanagement, Mut, die neuen Möglichkeiten der KI für das Archiv nutzbar zu machen und die Bereitschaft zum beständigen Wandel waren die Schlagworte. Die Unterschiede zwischen den bewahrenden Institutionen – Museen, Bibliotheken und Archiven – werden im gemeinsamen digitalen Raum zunehmend kleiner werden. Umso wichtiger erscheint es, die Authentizität der Überlieferung deutlich erkennbar werden zu lassen. Diese Thesen boten einen guten Einstieg in die von Torsten Musial moderierte Schlussdiskussion mit Dagmar Hovestädt, dem Historiker und Journalisten Sven-Felix Kellerhoff und Max Plassmann, die einen Blick in die Zukunft wagte. Ausgehend von der Stärkung der Behördenberatung durch die Archive als Informationsmanager, wurde auch der – heute schon nicht mehr futuristische, sondern durchaus real mögliche – Einsatz von Chatbots für diese Aufgabe ins Spiel gebracht. Ein einheitlicher Zugriff auf E-Akten in der Behörde und als Archivgut wird sich aufgrund der unterschiedlichen rechtlichen Voraussetzungen – Informationsfreiheitsgesetz und Archivgesetz – vermutlich nicht ohne weiteres herstellen lassen, sondern Zukunftsvision bleiben. Hovestädt wies auf den Graubereich der Messenger-Korrespondenzen hin, aus ihrer Sicht ein wichtiger Teil des Regierungshandelns, der nicht einfach „verschwinden“ darf. Kellerhoff sieht hier eindeutig die Politik in der Verantwortung. Die Unterstützung der Erschließung durch Hilfskräfte und/oder KI-Hilfsmittel ist aus Plassmanns Sicht aufgrund datenschutzrechtlicher Vorgaben und des Umstands, dass nicht das gesamte Archivgut digitalisiert werden kann, nur in Einzelfällen möglich. Vor allem die gesellschaftliche Verankerung der Archive könnte damit jedoch gestärkt werden. Dagegen könnte der KI-Einsatz bei der Analyse personenbezogener Daten eine wesentliche Erleichterung bringen. Auch andere Formen einer zielgerichteten Öffentlichkeitsarbeit könnten den Zugang zu Archiven erleichtern, auch ohne dass ein Avatar durch den virtuellen Lesesaal führt. Auch wenn in Zukunft nicht mehr alle Archivare alles können müssen, wird nach Auffassung von Max Plassmann auch in Zukunft zumindest ein Experte nötig sein, der eine Papsturkunde lesen kann.
Fazit: Die archivarischen Fachaufgaben müssen nicht neu erfunden werden. Aber unter dem Aspekt der Resilienz betrachtet ergeben sich neue Zusammenhänge und Gewichtungen, die neue Schwerpunkte in der Planung setzen könnten, um die Archive im Wettbewerb mit den anderen Informationsdienstleistern zu stärken.

