Das Zimmermann-Telegramm im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts

2017 kehrt zum 100. Mal eine der zahlreichen bizarren Episoden des Ersten Weltkriegs wieder: Das sogenannte Zimmermann-Telegramm – Deutschlands Bündnisangebot an Mexiko für einen Krieg gegen die USA. Das Stück ist ein dankbares Demonstrationsobjekt für eine aktenkundliche Analyse und hat eine interessante Überlieferungsgeschichte.

Bei Fachkollegen sah ich einmal einen Sticker „Be nice to archivists! They can erase you from history!“. Das ist – findet jedenfalls der Verfasser – zwar ein hübsches Bonmot, nur stimmt es leider nicht. Im Gegenteil: Archivare tilgen nichts von geschichtlicher Bedeutung, sondern sorgen für eine möglichst angemessene Dokumentation – bei Großtaten wie manchmal auch bei Fehlleistungen. In die letztgenannte Kategorie gehört das Zimmermann-Telegramm.

Die deutsche Heeresleitung drängte Anfang 1917 auf die Wiederaufnahme des unbeschränkten U-Boot-Kriegs, den sie als einzige wirksame Gegenmaßnahme gegen die britische Seeblockade betrachtete. Was aber, wenn damit auch die USA auf den Plan gerufen würden? Ein Referatsleiter in der Politischen Abteilung des Auswärtigen Amts, Arthur von Kemnitz, war der Urheber des Plans, für diesen Fall Mexiko ein gemeinsames Militärbündnis anzubieten.

Da die ursprünglich vorgesehene Beförderung der Depesche durch ein deutsches U-Boot an technischen Schwierigkeiten scheiterte, versandte man sie schließlich als verschlüsseltes Telegramm. Die deutschen Überseekabel waren gleich zu Kriegsbeginn durch die Ententemächte unterbrochen worden; es blieb aber die Möglichkeit „neutrale“ Kabel zu nutzen. In diesem Fall wurde die Nachricht mit großer Wahrscheinlichkeit mittels eines amerikanischen (!), über Großbritannien laufenden Kabels zunächst an den deutschen Botschafter in Washington gesandt und sollte von dort weitergeleitet werden.

Das Malheur: Die britische Aufklärung (der legendäre „Room 40“ in der Admiralität) fing das Telegramm ab, konnte es entziffern und gab es an Washington weiter. Da es mit der Unterschrift des Staatssekretärs des Auswärtigen Amts, Arthur Zimmermann, herausgegangen war, wurde es auch unter dessen Namen bekannt. Es trug zweifellos seinen Teil dazu bei, dass die USA kurz darauf in den Krieg eintraten.

1917-01-13 R 16919 Zimmermann-Telegramm_002

Der Originalentwurf des Telegramms mit zahlreichen Korrekturen und Geschäftsgangsvermerken ist im Politischen Archiv erhalten. Allerdings ist die Quellenlage hinsichtlich der Vorgeschichte des Dokuments schlecht.

Der Entwurf des Telegramms findet sich als erstes Dokument in einem Band mit dem Titel „Geheime Handakten des Geh. Legationsrats Dr. Goeppert“. Otto Göppert war nach dem Bekanntwerden der Depesche Ende Februar in den USA mit einer Untersuchung des Vorgangs beauftragt worden, bei der er rasch zu dem aus heutiger Sicht unzutreffenden Schluss kam, die Depesche sei vermutlich durch ein Leck in der Botschaft Washington an die Öffentlichkeit gelangt.

Der Handaktenband ist später bei den geheimen politischen Mexiko-Akten eingeordnet worden. Etwas weiteres Material, jedoch nicht zur Vorgeschichte, findet sich im nicht geheimen Teil der gleichen Aktenserie. (Fast überflüssig zu sagen, dass geheime wie offene Akten der Zeit vor 1945 seit langem der Forschung zur Verfügung stehen.)

Zum Schutz vor weiteren Sicherheitspannen wurde alles Material zu dem Vorgang in der deutschen Gesandtschaft Mexiko sowie in der Botschaft Washington verbrannt und ist daher nicht überliefert.

Aus der aktenkundlichen Analyse des Stücks wird nicht ganz klar, ob Bethmann Hollweg über das Vorhaben unterrichtet war. Aus den Akten des Auswärtigen Amts geht darüber nichts hervor. Boghardt (2012) kommt auf Grund eines Eintrags im Tagebuch seines Vertrauten Riezler zu dem Schluss, dass der Reichskanzler davon wohl erst nachträglich durch Zimmermann erfuhr.

Die Archivalienpräsentation ist in anderer Form, mit einer Aufschlüsselung aller Kanzleivermerke, auch auf der Website des Politischen Archivs online.

Quellen

Politisches Archiv des Auswärtigen Amts, RZ 201, R 16916 und 16919

Literatur

Joachim von zur Gathen: Zimmermann Telegram: The Original Draft. In: Cryptologia 31 (2007) 1, S. 2-37.
Thomas Boghardt: The Zimmermann Telegram. Intelligence, Diplomacy, and America’s Entry into World War I, Annapolis 2012.

Herbert Karbach